Hilfsnavigation

Start
Schrift vergrößern
Artikel anhören
Leichte Sprache

"Multikulti" oder "Leitkultur"?

Kolumne Heimatspitze


von Dr. Norbert Göttler
Auch Wörter haben ihre Geschichte. In besonderer Weise gilt das für die beiden Kontrahenten „Multkulti“ und „Leitkultur“. Ursprünglich trockene Konzeptbegriffe aus den Studierstuben der Soziologen und Politologen, haben sie sich in Windeseile emotional hoch aufgeladen. Der sperrige Begriff „Multikulturalismus“ ist ein sozialphilosophischer Theorieansatz, der davon ausgeht, dass die meisten modernen Staaten de facto von einer Vielfalt ethnischer, kultureller, sexueller und religiöser bzw. areligiöser Anschauungen geprägt sind und diese Staaten eine solchen Wertepluralismus auch schützen und pflegen sollten.
Kaum hatte der Begriff „Multikulturalismus“ seine Kinderstube verlassen, hagelte es auch schon Kritik. Der Begriff wurde als „Multikulti“ verhöhnt und als Kampfbegriff in die politische Diskussion eingeführt. Konservative Wissenschaftler und Politiker – vom britischen Premier Davon Cameron bis zum römischen Kurienkardinal Gianfranco Ravasi, dem früheren Präsidenten des päpstlichen Kulturrats – witterten viele in dem Konzept Werterelativismus, Identitätsverslust und Auflösung jeglicher gesellschaftlicher Ordnung.
In ähnlicher Weise argumentiert der deutsch-syrische Politologe und Horkheimer-Schüler Bassam Tibi, der dazu den Begriff der „Leitkultur“ einführte. Die Leitkultur der westlichen Moderne beruhe auf kulturellen Errungenschaften wie Demokratie, Laizismus, Aufklärung, Menschenrechte und Zivilgesellschaft. In seinem Buch „Europa ohne Identität?“ sprach Tibi 1998 von einer „europäischen Leitkultur“, Zeit-Herausgeber Theo Sommer und CDU-Politiker Friedrich März spitzten die Begrifflichkeit in der Folge auf eine „deutsche Leitkultur“ zu. Gelegentlich fanden sich gar Stimmen, die eine „bayerische Leitkultur“ forderten. Gegen diese einseitige Darstellung setzte sich Bassam Tibi zur Wehr, auch der Philosoph Jürgen Habermas protestierte dagegen öffentlich. Er setzte dem Begriff „Leitkultur“ das Konzept „Werte der kulturellen Moderne“ entgegen, die auf folgenden Stützpfeilern stünden: Vorrang der Vernunft vor religiöser Offenbarung, Demokratie, Trennung von Religion und Politik, Pluralismus und Toleranz.
In Hinblick auf die Integration von Migranten (die ja nur einen Teil der Multikulturproblematik darstellt) regt Bassam Tibi die Formulierung einer „Europäischen Werteorientierung“ an, die einen Kulturpluralismus mit Wertekonsens beinhalten und „wertebeliebige“ Parallelgesellschaften verhindern solle. Dieser Kulturpluralismus setzt sich aus ausdrücklich für eine kulturelle Vielfalt ein, doch formuliert er einen Minimalanspruch „kulturübergreifender Basiswerte“. So muss es etwa als Gemeingut gelten, dass sich auch in Deutschland nicht die islamische „Scharia“ über die Grundnormen des Grundgesetzes stellen darf. Vom Begriff der „Leitkultur“ ist Bassam Tibi selbst ausdrücklich abgerückt, weil er durch die missverständliche politische Debatte den Begriff als „vergiftet“ ansah. Der Münchner Philosoph Julian Nida-Rümelin griff diese Debatte auf, indem er darauf hinwies, dass sich in einer „Leitkultur des Humanismus“, die er fordert, auch außereuropäische Elemente finden und gewürdigt werden müssen.
Wörter und Begriffe, so stellten wir eingangs fest, haben ihre Geschichte. Manche Geschichten könnten auch enden, sie sollten das unserem Fall auch. “Multikulturalismus“ und „Leitkultur“, sie haben je eine Geschichte des Scheiterns hinter sich. Extremer Multikulturalismus heißt ja, nicht nur die – vielfach bereichernde - Alltagskultur aller gesellschaftlicher Gruppen zuzulassen, sondern auch grundgesetzfeindliche Menschenbilder und Rechtspraktiken, wie das Recht zum Ehrenmord, zur Zwangsverheiratung, zur Zwangsbeschneidung bei Mädchen und Frauen, zur Witwenverbrennung. Und auch innerhalb des abendländischen Kulturkreises werden nicht alle Werte gleichermaßen geteilt. Ein strenger Multikulturalismus müsste z.B. auch jedem US-Amerikaner auf deutschem Boden das Recht zum Waffentragen in der Öffentlichkeit zubilligen.
Eine extreme und damit missbräuchliche Verwendung des Begriffs „Leitkultur“ hingegen hieße, die eigene ethnographische Identität unkritisch zum alleinigen Maßstab gesellschaftlichen Zusammenlebens zu machen. Ein solcher Ansatz übersieht (geflissentlich?), dass jede Kultur sich in der Befruchtung durch fremde Kulturen entwickelt hat und einem permanenten Wandlungsprozess ausgesetzt ist.
„Multikulti“ und „Leitkultur“ - zwei Begriffe, die wie ätzende Dämpfe aus den Laborkammern der Wissenschaft entwichen sind, viel an gesellschaftlicher Diskussion vergiftet haben und keine Heilmittel für die Probleme des 21. Jahrhunderts darstellen. Wir sollten einfach Türen und Fenster aufmachen, und mit etwas Zugluft diese Gespenster der Vergangenheit verscheuchen.

Ansprechpartner/in

Stephan Holeczek
Telefon: 08857 / 88-850
Fax: 08857 / 88-859
E-Mail schreiben Visitenkarte (vcf, 1kB)
Angelika König
Telefon: 08857 / 88-851
Fax: 08857 / 88-859
E-Mail schreiben Visitenkarte (vcf, 1kB)

Publikationen

Anfahrt

Anfahrtsskizze Anfahrtskizze der Fachberatung Heimatpflege in Benediktbeuern
© Fachberatung Heimatpflege

zur Anfahrtsseite