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Ambiguitätstoleranz

Kolumne Heimatspitze


von Dr. Norbert Göttler

„Ambiguitätstoleranz“ nennen die Soziologen jene seltene Eigenschaft, fremde Kulturen in ihrer Eigenart zu tolerieren und auch in den eigenen Reihen zu dulden. Dass es damit auch bei unseren Vorfahren nicht allzu weit her war, belegt ein bitterer, ja fast verstörender Beitrag in der satirischen Zeitschrift „Simplicissimus“ vom Februar 1907. In einer betexteten Folge von Karikaturen – heute würde man so etwas einen Comic nennen – wird hier das „traurige Schicksal einer mohammedanischen Missionsgesellschaft“ geschildert, wie die Überschrift ausweist. Als Zeichner wird Olaf Gulbransson genannt, der Autor des Textes ist nicht verzeichnet. Ziemlich sicher aber war es Ludwig Thoma, zumindest hatte er seinen Segen dazu gegeben, war er zu diesem Zeitpunkt doch der starke Mann in der Simpl-Redaktion in Münchens Kaulbachstraße.
Drei bärtige, ältere Herren, an ihren Turbanen und ihrem Wanderstab mit Halbmond sehr schnell als Muslime erkennbar, hat es in eine altbayerische Landschaft verschlagen. Vielleicht wollte der Zeichner gar eine Parallele zu den Heiligen drei Königen herstellen, die ja in den ersten Quellen nur als Magoi, also als weise Magiere bezeichnet werden. Wie dem auch sei – die drei Herren unseres Comics begeben sich voller Neugierde auf Erkundungsreise in die bayerische Kultur. Als erstes begegnet ihnen ein bedrohlich wankender Dachauer Bauer. Ihre fürsorgliche Frage, ob er wohl sehr müde von der Arbeit sei oder ob die Sonne zu heftig auf sein Haupt gestrahlt habe, entgegnet er nur mit einem derben „Wos seids denn es füa Saustier? Es seid gwieß lutherische Saustier?“ und macht einen Lärm wie ein „Heer von heulenden Derwischen“. Dass der Mann betrunken ist, dämmert den Weisen, als sie im Weitergehen auch schon Kleinkinder am Maßkruge hängen sehen. Ihrer Mahnung, dass eine gute Religion das übermäßige Trinken verbiete, hält ein Einheimischer entgegen: „I bin ja zweng da Religion bsuffa, weil heit Kirta ist!“. Die Alten sind betrübt. Nachdem sich im Laufe ihrer landeskundlichen Exkursion Erlebnisse dieser Art immer mehr häufen – zum Beispiel angesichts einer deftigen Kirchweih-Rauferei - lassen sie sich erschöpft auf ihren Gebetsteppich nieder. Auf Gulbranssons Schlussbild sieht man schließlich eine Horde von Bayern, die mit Sensen und Mitgabeln bewaffnet, die drei Weisen überfallen. In galliger Anspielung auf die intoleranten Kleriker der damaligen Zentrumspartei (Ludwig Thomas Lieblingsgegner), lautet der abschließende Text: „Die Wilden riefen ihren Priester herbei, der zornentflammt alle Menschen zum Kampfe gegen die lutherischen Saustiere aufrief. Wütend stürzten sie sich auf die Fremden und erschlugen sie. So endeten die ersten Missionare des Islam unter den Wilden Europas!“.
Nun, die Geschichte stammt aus dem Jahr 1907. Heute kann so etwas freilich nicht mehr vorkommen. Schon weil niemand mehr an die Heiligen drei Könige glaubt, Kirta praktisch nicht mehr gefeiert wird und Dreschflegel nur mehr in Heimatmuseen zu finden sind! Und weil wir ja das Wort „Ambiguitätstoleranz“ haben…

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