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Gekauftes Idyll

Kolumne Heimatspitze



Von Dr. Norbert Göttler

Was glauben Sie, welche Zeitschriften können sich der größten Verbreitung in Deutschland erfreuen? Natürlich, die unvermeidliche „Apothekenrundschau“ steht ganz vorne, aber die wird ja jedem, der nicht schnell genug flüchtet, kostenlos in die Hand gedrückt – dem „Wachturm“ der Zeugen Jehovas in dieser Hinsicht nicht ganz unähnlich. Auch die „ADAC Motorwelt“ ist ganz prominent mit dabei, auch das kein Wunder, darf sie doch all den über zwanzig Millionen Vereinsmitgliedern gebührenfrei und regelmäßig die freie Fahrt für freie Bürger erklären. Nein, ich meine schon Zeitschriften, für die man bares Geld hinlegen muss!
In dieser Kategorie sind Produkte mit so lyrischen Titeln wie Landlust, Landliebe, Landleben, Landgang, Landidee, Landfrust (nein, die gibt es nicht!), und wie sie alle heißen mögen, offenbar unschlagbar! Während in Wahrheit tagtäglich auch in Bayern das Land weniger wird, während der urbane Flächenfraß auch die letzten ländlichen Räume in lieblos gestaltete Industriewüsten verwandelt, florieren idyllisierende, mit der Realität in krassem Gegensatz stehende Hochglanztraumprodukte. Ein gekauftes, ein käufliches Idyll, könnte man sagen!
Ähnliches gilt in der Welt der vermeintlichen Gourmets! Während sich in jungen Familien das Kochen immer häufiger auf das Aufwärmen von convenience food reduziert – in München werden deshalb schon garantiert küchenfreie Mietwohnung angeboten – floriert der Markt der Back- und Kochzeitschriften in nie gekanntem Ausmaß. Und im Fernsehen kann man sich kaum mehr der Heerschar von Köchen erwehren, die einem zudem auch noch Philosophie und Weltgeschichte erklären wollen. Es empfiehlt sich, stets den Finger am Abschaltknopf der Fernbedienung parat zu halten wie ein Westernheld am Abzug seiner Smith and Wesson!
Zugegeben – Landfreunde und Kochkünstler suchen innere Sehnsuchtsorte. Diese Lust am Idyll ist nicht verwerflich, aber allzu oft ersetzen gekaufte, windige Traum- und Phantasiewelten wie im Rotlichtmilieu die triste Wirklichkeit. Wirkliche Idyllen und Sehnsuchtsorte kann man finden, in der Natur, in liebgewonnenen Städten und Landschaften, aber auch in zwischenmenschlichen Beziehungen, Szenen, Literaturen und Philosophien. Aber immer fordert dieses Finden seinen Tribut! Zeit, Muße, Hingabe, Mühe und Pflege heißen die Zauberworte dafür. Wirkliche Idylle lässt sich schaffen und finden, kaufen lässt sie sich selten.
Aber ach, ich muss mich an die eigene Nase fassen! Mein Idyll finde ich in meiner Bibliothek. Früher bin ich dafür tagelang durch die entlegendsten Antiquariate gezogen oder zu nachtschlafender Zeit mit der Taschenlampe auf Flohmärkten umhergeirrt. Ich habe hier gestöbert und dort geschmökert, habe mit Händlern gefeilscht und mich mit Konkurrenten gestritten. Am Ende aber war es immer eine mehr oder minder begehrte Beute, die ich heimbrachte, vom Staub der Jahrhunderte befreite und sie samt ihrer Geschichte in Händen hielt. Ein Gefühl, das wohl ein archaischer Jäger nach drei Tagen Jagd hatte, denke ich.
Und heute? Drei Klicks auf dem Rechner, die entsprechenden Portale spucken nahezu jedes gewünschte Werk aus, ein kurzer Blick ins Portmonnaie, noch ein Klick und tags darauf steht der Postbote mit dem Paket vor der Tür. Wahnsinnig praktisch – aber kein Jagdfieber, kein Adrenalin, kein Beute. Ein antiquarisches Buch, gekauft wie einen Sack Streusalz oder ein Fußabstreifer. Ein kurzer Blick darauf, irgendwo abgestellt und schnell vergessen.
So kann´s nicht weitergehen, dachte ich mir und suchte mein Lieblingsantiquariat von früher auf. Fast hätte ich mir die Nase angeschlagen, so rumpelte ich an die verschlossene Tür! Das Antiquariat gab es nicht mehr. Das Büro eines Versandhändlers hat die begehrte Immobilie übernommen.
Frustriert ging ich heim und bestellte mir per Internet - einen Bildband über historische Antiquariate! Sehr idyllisch, sag ich Ihnen!

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