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Over-churched

Kolumne Heimatspitze


von Bezirksheimatpfleger Dr. Norbert Göttler

Könnten Sie sich vorstellen, in der berühmten Wieskirche eine Geisterbahn vorzufinden, in der Münchner Theatinerkirche eine Parkgarage oder in der romanischen Basilika von Urschalling eine Nobeldisko? Nein, natürlich nicht, kein vernünftiger Mensch kann das wollen, obwohl in manchen unserer Nachbarländer derlei durchaus zu finden ist. Solche Auswüchse sollten aber nicht als Totschlagargument gegen zeitgemäße und stilvolle Umnutzungen liturgischer Räume herhalten. Auch in Bayern häuft sich die Zahl der Kirchen und Kapellen, die das ganze Jahr über keine gottesdienstliche Nutzung mehr haben, dem Kirchensteuerzahler, aber auch der weitgehend säkularen Gesellschaft indes hohe denkmalschützerische Kosten aufbürden. Wir sind „over-churched“ klagte ein leidgeprüfter Pfarrer einmal süffisant sein Leid. Dabei gibt es mittlerweile gute Beispiele einer kulturell hochwertigen Nutzung von ehemaligen Kirchen. Kein Münchner möchte mehr auf die Allerheiligenhofkirche als Vortrags- und Konzertsaal verzichten, kein Burghausener auf das neugeschaffene Kulturzentrum „Studienkirche St. Josef“. Auch Bibliotheken und Galerien haben schon in Sakralräumen eine neue Heimat gefunden. Durchaus möglich sind Doppelnutzungen, wie die großartig umgestaltete Kirche St. Moritz in Augsburg zeigt, wo sich tagsüber viele Menschen zum Gebet, abends aber Kunstliebhaber zum Konzert treffen. Mit Kreativität und gutem Willen geht vieles! Das wussten schon unsere Vorfahren, die in manchen Gegenden Bayerns „Simultankirchen“ schufen, in denen sich Katholiken und Protestanten gleichermaßen (wenn auch nicht gleichzeitig) wohl fühlten. Ein lustiges Relikt dieser Zeit: Eine Madonna, die bei katholischer Nutzung den Hochaltar ziert, bei evangelischer Nutzung aber per Knopfdruck hydraulisch im Keller verschwindet. Not sollte zumindest eines machen – erfinderisch!


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