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Vom Haberfeldtreiben zum Shitstorm

Kolumne Heimatspitze


von Dr. Norbert Göttler

Was ein „shitstorm“ ist, weiß heutzutage leider jedes Kind und auch uns Älteren muss diese glorreiche Erfindung der digitalen Welt nicht mehr übersetzt werden. Gemeint ist eine lawinenartige Schmähkritik, die in der Regel hasserfüllt und anonym durch das Netz geistert und jeden treffen kann, der nicht schnell genug seinen E-Mail- oder Whatsapp-Account gelöscht hat.
Wer nun aber meint, derlei Pöbeleien seien eine vorübergehende Zeiterscheinung, sei durch viele historische Gegenbeispiele eines Besseren belehrt. So haben etwa die „Haberfeldtreiben“ im bayerischen Oberland des 19. Jahrhunderts Auswüchse angenommen, dass sich immer wieder Gendarmerie und Staatsanwaltschaft einschalten mussten. Ausgehend von mittelalterlichen Feme- und Scherbengerichten richtete sich die – nota bene – meist vermummt und anonym auftretende Meute gegen einzelne Personen der ländlichen Gesellschaft.
In der Überzeugung, die Moral gepachtet zu haben, stellten sich die Haberfeldtreiber über die staatlichen Organe und bedrohten Einzelpersonen mit Hetze, Brandschatzung, Gewalt. Oft genug waren es gerade nicht die Mächtigen, denen solcherart übel mitgespielt wurde, sondern Außenseiter und Wehrlose.
Auch Frauen wurden an den Pranger gestellt, vor allem, wenn deren Sexualverhalten nicht der gängigen Norm der ländlichen Männergesellschaft entsprach, wie ein von Georg Queri aufgezeichnetes Haberergedicht belegt: „Ein abscheulich unsittlich Treiben ist/ wenn die Eh’ man bricht!/ Das kann nicht länger so bleiben/ dies macht ein Haberfeld zur Pflicht./ Im Dorf Kreuth die Frau N.N./ als Kebsweib berühmt und bekannt./ Sie ist läufig gleich einer Hündin,/die allergrößte Hur im Land!“
Apropos Georg Queri! Mit seinem 1911 erschienenen Werk „Bauernerotik und Bauernfehme“ hat er als einer der Ersten die Geschichte der Haberfeldtreiben überliefert. Die Staatsanwaltschaft fand die darin aufgezeichneten Schmähtexte so abstoßend und staatsgefährdend, dass sie das Buch sofort auf den Index setzte und aus dem öffentlichen Verkehr zog. Wie man in Miesbach, dem Zentrum der damaligen Umtriebe, heute noch einen öffentlichen Platz „Habererplatz“ nennen mag, bleibt vor diesem Hintergrund das Geheimnis der dortigen Stadtväter und -mütter!

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